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Die Vordenker der Verhandlung · Teil 8/8 · Richard H. Thaler
PROCUREMENT

Nicht ein Budget, viele Konten — Richard Thaler zum Abschluss der Serie

Nicht ein Budget. Viele Konten. Jedes reagiert anders."

Richard H. Thaler, amerikanischer Verhaltensökonom an der University of Chicago, erhielt 2017 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeiten zur Verhaltensökonomie — unter anderem für das Konzept des „Mental Accounting“, der mentalen Kontenführung. Thalers Beobachtung: Menschen behandeln Geld nicht als vollständig austauschbare, homogene Größe, wie es die klassische Ökonomie annimmt. Stattdessen führen sie im Kopf getrennte „Konten“ für unterschiedliche Zwecke — und jedes Konto hat eigene Regeln, eigene Schmerzgrenzen, eigene Bereitschaft zur Bewegung.

Für Verhandlungen ist diese Beobachtung von erheblicher praktischer Bedeutung, weil sie ein weitverbreitetes Missverständnis korrigiert: Weder Einkäufer noch Lieferanten verhandeln über ein einziges, homogenes Budget. Preis ist ein Konto. Zahlungsziel ist ein anderes. Lieferbedingungen, Servicelevel, Vertragslaufzeit, Volumenzusagen — jedes davon ist ein eigenes mentales Konto, und jedes reagiert unterschiedlich stark auf Druck.

Das erklärt ein Phänomen, das viele Verhandler aus eigener Erfahrung kennen: Eine Verhandlung, die sich beim Preis festgefahren hat — keine Seite bewegt sich mehr einen einzigen Prozentpunkt —, kann sich plötzlich lösen, sobald das Gespräch auf eine andere Konditionen-Ebene wechselt. Zahlungsziel, Laufzeit oder Volumen sind oft nicht annähernd so festgefahren wie der Preis, einfach weil sie auf einem anderen mentalen Konto liegen, das noch nicht durch wiederholtes Feilschen „verhärtet“ ist.

Wer ausschließlich auf eine einzige Zahl fokussiert bleibt — meist den Preis —, lässt den Rest des Verhandlungstisches ungenutzt liegen. Die eigentliche strategische Frage lautet deshalb nicht „Wie bekomme ich den Preis weiter runter?“, sondern „Welches Konto der Gegenseite ist noch beweglich, während ein anderes bereits blockiert ist?“ Diese Umverteilung zwischen Konten kann für beide Seiten mehr Wert schaffen, als ein reiner Kampf um eine einzelne Zahl je könnte.

Für die eigene Vorbereitung bedeutet das, das Verhandlungsfeld von Anfang an mehrdimensional zu denken — nicht als eine einzige Zielzahl, sondern als ein Set von Konten mit jeweils eigenem Spielraum. Wer diese Konten vorab identifiziert, verhandelt nicht härter, sondern klüger: Er erkennt Bewegung dort, wo andere längst aufgegeben haben, weil sie nur auf ein einziges Konto starren.

Damit schließt sich der Kreis dieser Serie: Von Schellings Selbstbindung über Nashs Gleichgewicht, Rubinsteins Zeitdruck, Harsanyis Annahmen und Seltens Glaubwürdigkeit bis zu Kahnemans und Tverskys Psychologie der Entscheidung — acht Denker, acht Konzepte, eine gemeinsame Erkenntnis: Verhandeln ist erlernbar. Wer die Theorie dahinter kennt, verhandelt nicht mit mehr Härte, sondern mit einem klareren Verständnis dessen, was am Tisch tatsächlich passiert.

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