Eine Drohung, der niemand glaubt, ist eine Einladung — Reinhard Selten über Glaubwürdigkeit
„Eine Drohung ohne Glaubwürdigkeit ist eine Einladung, sie auf die Probe zu stellen."
Reinhard Selten war 1994 der erste Deutsche, der den Wirtschaftsnobelpreis erhielt — gemeinsam mit John Nash und John Harsanyi, für Arbeiten, die das Nash-Gleichgewicht praktisch anwendbar machten. Seltens eigener Beitrag, die „Teilspielperfektheit“, klingt zunächst technisch, trifft aber einen Kern, den jeder erfahrene Verhandler intuitiv kennt: Nicht jedes Gleichgewicht ist glaubwürdig — manche beruhen auf Drohungen, die eine Partei im Ernstfall nie ausführen würde.
Selten zeigte mathematisch, dass eine Drohung nur dann verhandlungswirksam ist, wenn sie auch in der Situation, in der sie tatsächlich eingelöst werden müsste, noch im eigenen Interesse liegt. Eine Drohung, die im Moment der Wahrheit gegen die eigenen Interessen verstößt, ist keine echte Drohung — sie ist ein Bluff. Und Bluffs haben eine unangenehme Eigenschaft: Sobald die Gegenseite sie als solche erkennt, verlieren sie nicht nur ihre Wirkung, sie laden aktiv dazu ein, getestet zu werden.
In der Verhandlungspraxis zeigt sich das ständig: Ein Einkäufer droht mit einem Lieferantenwechsel, ohne tatsächlich eine geprüfte, einsatzbereite Alternative in der Hand zu haben. Der Lieferant — oft aus Erfahrung mit ähnlichen Situationen — spürt diese Lücke zwischen Wort und Deckung. Und genau dann beginnt er, die Drohung zu testen: mit einer kleineren Konzession, einem verzögerten Angebot, einer abwartenden Haltung. Wenn keine Konsequenz folgt, ist die Glaubwürdigkeit für den Rest der Verhandlung — und oft darüber hinaus — beschädigt.
Glaubwürdigkeit entsteht nach Selten nicht durch die Lautstärke einer Aussage, sondern durch ihre Deckung: durch eine tatsächlich geprüfte Alternative, eine reale BATNA, die im Ernstfall auch eingesetzt werden kann und würde. Eine BATNA, die nur als rhetorisches Requisit existiert, aber bei genauerem Hinsehen nicht tragfähig ist, hat denselben Effekt wie gar keine — nur mit dem zusätzlichen Risiko des Gesichtsverlusts, sobald sie durchschaut wird.
Für die Vorbereitung bedeutet das: Bevor eine Drohung — und sei sie noch so implizit formuliert — überhaupt in Betracht gezogen wird, muss ihre Deckung geprüft sein. Was passiert tatsächlich, wenn sie eingelöst werden muss? Ist das für die eigene Seite wirklich tragbar? Wer diese Frage vor der Verhandlung nicht beantworten kann, sollte die Drohung nicht aussprechen — Schweigen kostet in solchen Fällen weniger als eine durchschaute Behauptung.
Seltens Erkenntnis ist damit unbequem, aber klar: Wer eine Grenze setzt oder eine Konsequenz androht, muss bereit sein, sie auch tatsächlich zu tragen. Alles andere ist keine Verhandlungstaktik, sondern eine Einladung an die Gegenseite, genau das Gegenteil zu tun.
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