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Die Vordenker der Verhandlung · Teil 4/8 · John Charles Harsanyi
PROCUREMENT

Du weißt nicht, was der Lieferant will — John Harsanyi ĂŒber strukturierte Annahmen

„Du weißt nicht, was der Lieferant will. Aber Annahmen sind eine Strategie."

John Charles Harsanyi, ungarisch-amerikanischer Ökonom, teilte sich 1994 den Wirtschaftsnobelpreis mit John Nash und Reinhard Selten — gemeinsam gelten die drei als BegrĂŒnder der modernen, praktisch anwendbaren Spieltheorie. Harsanyis eigener Beitrag löste ein Problem, an dem die frĂŒhe Spieltheorie zunĂ€chst scheiterte: Die meisten Modelle gingen davon aus, dass beide Seiten die Ziele, Kosten und PrĂ€ferenzen der jeweils anderen genau kennen. In der RealitĂ€t ist das fast nie der Fall.

Harsanyi entwickelte dafĂŒr ein mathematisches Werkzeug: Spiele mit unvollstĂ€ndiger Information lassen sich modellieren, indem man jedem Spieler einen „Typ“ zuordnet — eine mögliche AusprĂ€gung seiner tatsĂ€chlichen Ziele und ZwĂ€nge — und mit Wahrscheinlichkeiten arbeitet, welcher Typ jeweils vorliegt. Aus einem unlösbaren Problem („Ich weiß nicht, was er will“) wurde damit ein lösbares: eine Verteilung plausibler Annahmen, mit der man rechnen kann.

Übertragen auf den Verhandlungstisch bedeutet das: Die Frage ist nie, ob man die wahren Motive der Gegenseite kennt — man kennt sie in aller Regel nicht vollstĂ€ndig. Die Frage ist, ob man mit strukturierten, belastbaren Annahmen arbeitet oder mit reinem BauchgefĂŒhl. Ein EinkĂ€ufer, der ĂŒberzeugt ist, ein Lieferant brauche den Auftrag „dringend“, handelt oft auf Basis eines einzelnen Signals — einer schnellen E-Mail-Antwort, eines freundlichen Tons — statt auf Basis einer systematischen EinschĂ€tzung von Marktposition, Alternativen und AbhĂ€ngigkeiten des Lieferanten.

Genau dort entsteht der teuerste Fehler: zu frĂŒh nachzugeben, weil eine ungeprĂŒfte Annahme ĂŒber die Dringlichkeit der Gegenseite falsch war. Harsanyis Modell zeigt indirekt, warum das passiert — Menschen ersetzen fehlende Information intuitiv durch eine einzige, oft unbewusst gewĂ€hlte Annahme, statt mehrere plausible Szenarien parallel zu halten und ihre Wahrscheinlichkeit gegeneinander abzuwĂ€gen.

FĂŒr die Verhandlungsvorbereitung folgt daraus ein klarer Auftrag: InformationslĂŒcken ĂŒber die Gegenseite nicht zu ignorieren, aber auch nicht durch eine einzelne Vermutung zu schließen, sondern durch mehrere begrĂŒndete Annahmen — zur Marktposition des Lieferanten, zu seinen Alternativen, zu seiner AbhĂ€ngigkeit vom eigenen Auftragsvolumen. Wer sich vor der Verhandlung strukturiert mit diesen Fragen auseinandersetzt, verhandelt nicht mit Sicherheit, aber mit einer belastbareren Grundlage als reine Hoffnung.

Annahmen sind damit keine SchwĂ€che der Vorbereitung, sondern — wenn sie strukturiert statt zufĂ€llig getroffen werden — ihr Ausgangspunkt. Genau das war Harsanyis eigentlicher Beitrag: Er machte Unwissen kalkulierbar, statt es zu verdrĂ€ngen.

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