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Die Vordenker der Verhandlung · Teil 7/8 · Amos Tversky
PROCUREMENT

Niemand verhandelt um Gewinne — Amos Tversky über Verlustaversion

Niemand verhandelt um Gewinne. Alle vermeiden Verluste."

Amos Tversky, israelischer Kognitionspsychologe, entwickelte gemeinsam mit Daniel Kahneman die Prospect Theory — jenes Modell, das 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde. Tversky selbst konnte den Preis nicht mehr entgegennehmen: Er starb 1996, und der Nobelpreis wird posthum nicht verliehen. Kahneman erhielt ihn stellvertretend auch für die gemeinsame Arbeit — ein historischer Nebenumstand, der oft übersehen wird, aber zeigt, wie eng die beiden Konzepte des Duos verwoben sind.

Eines der zentralen Ergebnisse dieser gemeinsamen Forschung: Halbvolles Glas oder halbleeres Glas — dieselbe Realität, aber unterschiedliche Wahrnehmung, je nachdem, ob sie als Gewinn oder als Verlust gerahmt wird. Tversky und Kahneman zeigten experimentell, dass Verluste psychologisch etwa doppelt so schwer wiegen wie gleichwertige Gewinne. Ein Verlust von 100 Euro schmerzt stärker, als ein Gewinn von 100 Euro erfreut — obwohl der objektive Betrag identisch ist.

In Verhandlungen zeigt sich dieses Muster ständig, oft ohne dass es bewusst bemerkt wird. Erfahrene Verkäufer formulieren ihr Angebot selten als reinen Vorteil — sie formulieren es als Schutz vor einem Risiko. Nicht: „Mit uns sparen Sie 10 Prozent.“ Sondern: „Ohne uns riskieren Sie Lieferengpässe, Qualitätsprobleme, Vertragsstrafen.“ Beide Aussagen können denselben Sachverhalt beschreiben — aber die zweite aktiviert Verlustaversion, und Verlustaversion motiviert stärker als jede Gewinnaussicht.

Wer dieses Muster kennt, kann es in zwei Richtungen nutzen. Zum einen als Erkennungswerkzeug: Sobald ein Angebot primär über vermiedene Verluste statt über tatsächliche Vorteile argumentiert, lohnt sich ein zweiter, nüchterner Blick auf die reinen Zahlen dahinter — die emotionale Rahmung sagt oft mehr über die Verhandlungstaktik der Gegenseite aus als über den objektiven Wert des Angebots. Zum anderen als eigenes Framing-Werkzeug: Die eigene Position lässt sich ebenso als Vermeidung eines Verlusts der Gegenseite formulieren statt als bloßer Gewinn für die eigene Seite.

Die praktisch entscheidende Frage in der Vorbereitung lautet deshalb nicht nur „Was gewinne ich in dieser Verhandlung?“, sondern „Welchen Verlust versucht mein Gegenüber gerade zu vermeiden — und wie hängt das mit meiner Position zusammen?“ Wer diese Frage beantworten kann, versteht die eigentliche Motivation hinter dem Verhalten der Gegenseite oft besser als über deren offen genannte Ziele.

Tverskys Vermächtnis ist damit eine der praktisch nützlichsten Erkenntnisse der Verhandlungspsychologie: Menschen handeln selten, um zu gewinnen. Sie handeln, um nicht zu verlieren. Wer diesen Unterschied erkennt, versteht mehr über eine Verhandlung als über jede reine Zahlenanalyse.

VerhaltensökonomieVerlustaversionFraming

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